Shop Shop

Besser scheitern

Von Barbara Maey | 12. Januar 2022

Als ich zur Vorbereitung auf diese Kolumne nach Meinungen zum Thema «alkoholfreier Januar» suche, öffnet sich mir eine bisher unbekannte Welt: ganze Websites widmen sich diesem Thema, natürlich gibt es auch Instagram Accounts, Hashtags, Communities und Challenges rund um dieses Thema, das da durchwegs Dry January heisst.

Nach ein paar weiteren Klicks gelange ich zum Thema Sober October. Da beschliesse ich, die Suche einzustellen und mit dem Schreiben zu beginnen. Wer weiss, ob sich nicht für jeden Monat ein flotter Slogan für ein alkoholfreies Leben findet? Dry July wäre ja der perfekte Reim. Oder wie wär’s mit No Liver Decay in May, Immune June, Total Surrender in September, Remember Dry January in November? Dann müsste ich mich nicht nur im Januar damit herumschlagen, dass unzählige Communities um mich herum den alkoholfreien Monat feiern, ich aber nicht daran denke, mich ihnen anzuschliessen.

Auf Alkohol zu verzichten fällt mir nicht schwer, auf Wein zu verzichten aber schon. Klar, ein Leben ohne Alkohol und also ohne Wein wäre gesünder. Auch ein Leben ohne Zucker wäre gesünder, ein Leben mit mehr Sport, mehr Vollkornprodukten, weniger Pommes Chips und Croissants… Sicherlich schadet es auch nicht, die Welt wieder einmal ganz nüchtern zu betrachten. (Wirklich nicht?)

In mir sträubt sich etwas gegen die Bewegungen, die den Verzicht feiern und darin das makellose Heil suchen (wirklich neu ist das ja auch nicht: in Klöstern wird das schon lange praktiziert). Da sind mir Vorsätze lieber, die darauf abzielen, Gewohnheiten langfristig zu ändern. Ich kann so nach einer Vollkommenheit streben, in der dunklen Vorahnung, dass ich sie nie erreichen werde. Aber das ist ok. Streben und Scheitern sind zwei Pole, die das Leben reicher und spannungsvoller machen. Wie sagte Samuel Beckett nochmals? Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Kommen Sie gut durchs neue Jahr!

Zur Autorin

Im Wein soll die Wahrheit liegen, sagten die Römer. Und die ist bekanntlich subjektiv – genauso wie Wein letztlich Geschmackssache ist. Barbara Maey bloggt als La Terroiriste über ihre Wahrheiten und Lieblingsweine, aber auch über Anbaumethoden und den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol. Viel Spass bei der Lektüre!


Nie mehr einen Beitrag verpassen?
→ Blog abonnieren

Weitere Posts

  • 7. Juli 2020

    Kühler Roter

    Ich liebe den Sommer! In dieser Jahreszeit schleicht sich sogar bei uns etwas mediterranes Lebensgefühl ein. Wie schön ist es, an einem heissen Tag in ein saftiges Stück Wassermelone zu beissen, zur Abkühlung in den See zu springen, abends draussen zu essen und ohne zu frieren nach dem Essen noch lange sitzen zu bleiben und die langsame kühler werdende Luft auf der Haut zu spüren.

    Weiterlesen
  • 2. Juni 2021

    Savoir Vivre

    Jetzt ist sie da, die Rosé-Saison! Natürlich kann man Rosé das ganze Jahr trinken, aber ein zartfruchtiger Rosé mit einer knackigen Säure ist ein besonderer Genuss an warmen, sonnigen Tagen. Und irgendwie steckt doch in einem Glas gutem Rosé auch ein Lebensgefühl: gemütliches Beisammensein unter dem Blätterdach eines grossen Baumes, ein Apéro auf der sonnigen Terrasse: Savoir-vivre!

    Weiterlesen
  • 3. Juni 2020

    Der Geist des Weines

    «Betriebe, die zur Deckung des alltäglichen Lebensbedarfs nicht zwingend notwendig sind» mussten während dem Lockdown geschlossen bleiben. So steht es in der COVID-19 Verordnung 2 des Bundesrats vom 13. März. Wein gehört zu den Gütern des täglichen Bedarfs, und so konnten auch die Weinhandlungen offen bleiben.

    Weiterlesen